Mit Mut und Herz rund um Lesbos | Interview mit Andronikos

© BORDREPORTER.COM – Montag, 31. Oktober 2016

Mit Mut und Herz rund um Lesbos

von Andreas Ryll

Ein junger Segler will mit einem Optimist die Insel Lesbos umrunden – und auf diese Weise die Mission der deutschen Organisation “Jugend Rettet e.V.” im Mittelmeer unterstützen.

Heute beginnt der mutige Segeltörn in Molyvos an der Nordküste der Heimatinsel seiner Familie. Das erste Etappenziel wird das 15 Seemeilen entfernte Sakimineas sein. Gleich nach seiner Ankunft am Samstag in Mytilini, dem Verwaltungssitz der drittgrößten Insel Griechenlands, hat er sich mit Gleichaltrigen im lokalen Segelverein getroffen, um über seine Aktion zu sprechen und auch gemeinsam mit ihnen zu trainieren.

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Foto: Andronikos an Bord der “Iuventa” bei seinem Besuch in Malta © Facebook Jugend Rettet e.V.

“Jedem Menschen, der in Seenot geraten ist, muss geholfen werden.” sagt er.

Wer ist dieser junge Mensch und was bewegt ihn zu dieser mutigen Aktion? Ich habe vor seiner Abreise mit ihm gesprochen.

Ich heisse Andronikos, bin 15 Jahre alt und Grieche. Momentan lebe ich in Deutschland, da ich dort das Internat Landheim Schondorf am Ammersee besuche. Meine Eltern sind auf Lesbos geboren und aufgewachsen. Die Familie meines Vaters lebt seit vielen Generationen auf der Insel, hingegen sind die griechischen Vorfahren meiner Mutter, in den 1920er Jahren aus Kleinasien eingewandert.

Wie entstand deine Beziehung zu Deutschland?

Meine Mutter hat in Frankfurt ein Pharmaziestudium absolviert und daher haben meine beiden älteren Schwestern Melina und Janina bis zum Grundschulalter in Deutschland gelebt. Später besuchten sie die Deutsche Schule in Athen. Beide haben in Deutschland studiert und leben und arbeiten heute dort. Auch ich habe bis zum fünften Schuljahr die Deutsche Schule in Athen besucht, bevor ich nun seit drei Jahren in Süddeutschland lebe.

Warum die Entscheidung ein Internat in Deutschland zu besuchen?

Diese Entscheidung hatte auch mit der Wirtschaftskrise in Griechenland zu tun, die sehr viele griechische BürgerInnen und auch meine Familie getroffen hat. Ich hatte aber das große Glück über eine Initiative der Deutsche Schule in Athen ein Gaststipendium von der Schule Schloss Salem am Bodensee (*) zu bekommen. Dieses Internat habe ich zwei Jahre lang in der Unterstufe besucht und seit dem letzten Jahr bin ich nun in der 9. Klasse im Gymnasium des Landheim Schondorfs. Meine Mutter wünschte sich, das ich bereits als kleiner Junge die deutschen Sprache erlernen sollte und so kam es, dass ich ein “Goethe-Sommercamp” besuchte, was ich ziemlich cool fand. Also dachte ich, okay … warum nicht, ein Internat ist wie ein über das gesamte Schuljahr verlängertes Camp.

Wie ist deine Familie mit dieser Entscheidung umgegangen?

Anfangs war es schon sehr schwierig, aber wir haben diesen großen Schritt in unserem Leben gewagt. Ich möchte aber hinzufügen, das es in Griechenland äußerst selten vorkommt, das man schon so jung, das Elternhaus verlässt, um im Ausland eine Schule zu besuchen. Meine Familie hat diese Entscheidung nicht bereut, denn mein schulischer und persönlicher Weg verläuft positiv.

(*) Anmerkung Redaktion: Die Schule Schloss Salem wurde 1920 von Max v. Baden und Kurt Hahn gegründet. Über die Jahre entwickelte sich Salem zum größten und auch international bekanntesten deutschen Internatsgymnasium

Eine mutige Herausforderung und eine symbolträchtige “Benefiz-Umsegelung” vom bislang jüngsten Unterstützer von Jugend Rettet. Was bewegt einen 15-jährigen diese Aktion durchzuführen. Wie kam es zu dieser Idee und was war der anschlaggebende Punkt für deine Mission?

Eigentlich hatte ich nichts geplant. Im vergangenen Jahr wollte ich ganz normal meine Sommerferien auf Lesbos verbringen, aber die Situation, ich dort vorfand, war so krass. Vorher haben wir, auch in meinem Internat in Deutschland, gar nicht wahrgenommen, wie schlimm die Lage auf Lesbos war. Also habe ich einen kurzen Film gedreht, um den Menschen zu zeigen, wie die Realität auf der Insel aussah. Und so kam, das mein ehemaliger Schuldirektor in Salem, Herr Häusler, den Kontakt zu Jugend Rettet hergestellt hatte.

Und wie ging es dann weiter?

Man fragte mich, ob ich nicht Lust hätte nach Malta zu kommen, um dort ihre Arbeit zu unterstützen. Da ich aber noch nicht volljährig bin, konnte ich nicht mit aufs Schiff “Iuventa”. Also habe ich überlegt, wie ich die Organisation noch besser unterstützen könnte und so kam mir die Idee mit der Umseglung von Lesbos.

Wann hast Du mit dem Segeln begonnen?

Im Alter von sechs Jahren habe ich im Segelverein Olympiakos Piräus in der Optimisten-Jolle begonnen. Bis vor drei Jahren habe ich auch in nationalen und internationalen Wettbewerben und Meisterschaften gesegelt und theoretisch hätte ich heute schon die Erfahrung ein größeres Schiff zu segeln. Ich würde gerne in eine andere Bootsklasse wechseln, aber derzeit wiege ich 40 Kilogramm, daher kann ich momentan nur mit dem Optimist segeln.

Also wirst Du auch mit einem Optimist, also eine kleine und leichte Jolle mit 2,30 Meter Länge und 1,13 Meter Breite, einmal rund um Lesbos segeln? Wie lang ist deine Route?

Ja, in meinem Fall geht das nur mit einer Einhand-Jolle, wie einem Opti. Die Umrundung der Insel Lesbos geht über eine Strecke von etwa 200 Seemeilen, das sind zirka 320 Kilometer und wenn alles nach Planung läuft, dann sollte diese Reise zehn Tage dauern. Es kommt natürlich auch auf die jeweiligen Wetterbedingungen und Windverhältnisse an.

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Foto: Andronikos in seinem Opti in der ersten Etappe seiner Lesbos-Umsegelung. Starker Wind und herbstliche Temperaturen halten den jungen Segler nicht von seiner Aktion ab. © Video Club Levsos

In den zehn Tagen werden tägliche Zwischenstopps eingelegt und was ist dort vor Ort geplant?

Wir starten in Molyvos, im Norden von Lesbos und es geht dann im Uhrzeigersinn um die Insel. In erster Linie werde ich an Orten angelegen, an denen Flüchtlinge ertrunken sind. Abends werden wir dort im Dorf eine kleine Feier, gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Flüchtlingen veranstalten. Wir werden sie zum Essen einladen und werden Aktionen veranstalten, um den Gemeinschaftssinn untereinander zu stärken. Ich werde die Bewohner treffen und mit ihnen über die Lage sprechen. Ausserdem habe ich vor zwei Tage in einem Flüchtlingslager zu sein und dort mit meinem Zelt zu übernachten. Es wird mich ein Kameramann begleiten und damit möchte ich den Menschen zu Hause zeigen, wie die Lage vor Ort ist und was diese Situation für Lesbos bedeutet. Geplant sind Zwischenstopp in Sigri, Scanja und Plomari. Alle weiteren Orte sind auch von den Wetterbedingungen abhängig.

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Foto: Die Insel Lesbos aus der Vogelperspektive

Wer unterstützt dich vor Ort?

Ich habe die Unterstützung vom Segelverein Alternative Sailing in Molyvos unter der Leitung vom Skipper George Malakos und meinem Segellehrer Niko Parindas, der mich begleitet. Gemeinsam mit ihnen habe ich mich im Sommer auf diese Inselumsegelung vorbereitet. Selbstverständlich ist auch meine Mutter dabei. Sie wird mich von Land aus begleiten.

Wie kann man deine Inselumsegelung verfolgen?

Das wird über die Website und die Facebookseite von Jugend Rettet e.V. erfolgen. So kann man auch spenden, was eine Motivation meiner Aktion ist.

Wie ist deine Verbindung mit dem Meer entstanden?

Ich bin am Meer aufgewachsen und meine Mutter war es auch, dich mich früh zum Segeln animiert hatte. Wie ich bereits anfangs erwähnte, ist die Familie meiner Mutter, 1922 von der ägäischen Küste Kleinasiens nach Lesbos geflüchtet (*). Sie waren Bootseigner, aber damals musste sie bei ihrer Flucht alles zurücklassen. Auf Lesbos fanden sie Zuflucht und mussten sich von Null wieder eine neue Existenz aufbauen. Die Erzählungen meiner Familie aus der damaligen Zeit haben mir sehr imponiert und mich inspiriert. Wenn ich auf dem Wasser bin und segele, fühle mich sehr wohl.

* Anmerkung der Redaktion: Der Griechisch-Türkische Krieg bezeichnet Auseinandersetzungen zwischen dem Königreich Griechenland und dem anatolischen Teil des im Ersten Weltkrieg zerschlagenen Osmanischen Reiches in den Jahren 1919–1922. In den Jahren 1914 bis 1923 kam es zu einer Welle von Griechenverfolgungen im Osmanischen Reich.

Würdest Du dich jetzt eher als Hobbysegler oder Sportsegler bezeichnen?

Ich habe als Sportsegler begonnen, aber in den letzten zwei Jahren war ich eher ein Hobbysegler. In Salem habe ich auf dem Bodensee gesegelt, aber auch dank der Segelschule Alternative Sailing in Molyvos habe ich in der letzten Zeit wieder sehr viel Spass am Segeln und auch sehr viel Neues gelernt.

Wie kann sich auch die junge Generation engagieren?

Jeder kann auf seine persönliche Art helfen. Klar, muss nicht jeder gleich eine Insel umsegeln, aber jeder hat doch eine besondere Eigenschaft. Damit kann man zeigen, das man auch Organisationen, wie Jugend Rettet, unterstützen kann. Ausserdem kann man selbst Spenden sammeln oder die Eltern motivieren zu spenden. Auch in der eigenen Schule könnte man in dieser Hinsicht etwas ändern, wenn man bedenkt, das meine Schule, globales Mitglied des internationalen Internatsschul-Netzwerkes Round Square ist. Am 13. Oktober dieses Jahres wurde ich von unserem Round Square Schülerkomitee zum neuen Präsidenten gewählt. Wir haben uns vorgenommen, das den Kindern unter den Flüchtlingen, die Möglichkeiten gewährt wird, neben den sportlichen Aktivitäten, auch der Zugang zu den Arbeitsgemeinschaften im Bereich Kunst und Kultur zu erhalten. Ich glaube, dass das ein guter Weg zu gemeinschaftlichen Verbindung ist und Kinder werden darüber hinaus auch besser integriert.

Wie wird das Thema “Flüchtlingskrise” in deiner Schule behandelt?

Ich bin der Meinung, das heutzutage alle darüber Bescheid wissen, denn fast jeder in meiner Generation besitzt ein Handy oder hat einen Internetzugang und kann sich somit ausreichend über die Nachrichten informieren. Ich denke es gibt zwei Möglichkeiten, entweder steht man dem Thema gleichgültig gegenüber und reagiert nicht darauf oder man macht sinnvolle Aktionen, weil man versteht, das alle helfen sollen und können. Mit meiner Aktion versuche ich zu zeigen, das jede noch so junge Person irgendetwas erreichen kann.

Was bedeutet Abenteuer für dich?

Es muss etwas Außergewöhnliches sein. Nicht etwas, wie beispielsweise Fußball spielen, was ich jeden Tag machen kann, und es sollte auch etwas – sagen wir – Aufregendes beinhalten.

Welche Pläne hast Du für deine Zukunft?

Ich habe viele Ideen im Kopf. Ich könnte mir vorstellen Anwalt zu werden. Aber seitdem ich sechs Jahre alt bin, interessiere ich mich aber auch sehr für Theater und Schauspiel.

Und was wird aus deinem Segelsport?

Selbstverständlich werde ich weiter segeln und an meiner Sportlerlaufbahn arbeiten. Vor kurzem hat mir der Bürgermeister von Lesbos vorgeschlagen, bei der Organisation einer internationalen Jugendregatta mitzuwirken. Das ist sicher eine tolle Möglichkeit für jugendliche SeglerInnen aus der ganzen Welt auf der Insel Lesbos einen Wettbewerb zu veranstalten.

Zum Abschluss ich noch drei Fragen der SchülerInnen aus einer 7. Klasse (also 12-Jährige) der staatlichen Mittelschule “Principe Piemonte” in Rom, die dein Projekt und die Arbeit von Jugend Rettet in ihrem Unterricht seit kurzem verfolgen. Ich habe dieses Thema der Klassenlehrerin für Italienisch, Geschichte und Geografie, Signora Barbagli und der Schulleitung vorgeschlagen.

Woher nimmst Du die Willenskraft sich dieser Gefahr sich auszusetzen?

Ich fühle mich nicht in Lebensgefahr, aber trotzdem will ich Jugend Rettet bei ihrer Mission unterstützen, damit mehr für ihre Arbeit gespendet wird. Mir erscheint ihre Mission logisch, das jeder Mensch in Seenot gerettet werden muss. Wenn man bedenkt, in welche Lebensgefahr sich die Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer begeben, kann ich froh sein, das während meiner Lesbos-Umsegelung, ein Schlauchboot hinter mir fährt und das man darauf achtet, das mir nichts passiert. Und so extrem gefährlich wird es hoffentlich nicht sein.

Macht dich dein Vorhaben glücklich?

Klar … erstens, liebe ich Abenteuer und zweitens habe ich das Gefühl, das ich damit meinen Beitrag leiste, Menschen in Not zu helfen, die aus Kriegsgebieten in ihrer Heimat flüchten müssen und oftmals monatelange auf der Flucht sind. Und wenn ich daran denke, wie die Umstände auf Lesbos sind und wenn man weiss, das Babys und Kleinkinder im Mittelmeer ertrunken sind, dann macht es mich schon glücklich, Organisationen, wie Jugend Rettet zu unterstützen, die mit ihrem Schiff “Iuventa” Menschen in Seenot retten.

Hast du keine Besorgnis, dass die Leute nur deinen Mut betrachten und nicht an den wahren Grund für diese Aktion?

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, denn ich mache diese Aktion, weil ich mit dem Segeln rund um die Insel Lesbos, Jugend Rettet mehr Aufmerksamkeit verschaffen möchte, damit die nötigen Spenden eingehen, um die Mission erfolgreich weiterführen zu können. Damit will ich nicht meinen Mut in den Vordergrund stellen.

Andronikos, ich danke für das Gespräch und wünsche Dir viel Erfolg bei deiner Aktion. Ich werde deine Umsegelung der Insel Lesbos verfolgen und selbstverständlich werden wir auch auf bordreporter.com weiter darüber berichten.

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PREVIEW 01: Andronikos wird vom Bürgermeister vor seinem Start empfangen (die Worte des Bürgermeisters sind in Deutsch synchronisiert)

 

ABSCHLUSS: Jugend Rettet e.V.

Die private Non-Profit Initiative Jugend rettet wird von einer Handvoll Studenten aus Deutschland betrieben. Mit Spendengeldern haben sie im Mai dieses Jahres einen holländischen Fischtrawler gekauft und umgebaut, eine 11-köpfige Crew samt Kapitän und Maschinisten zusammengestellt und sich auf den sechsmonatigen Einsatz vorbereitet: Seenotrettung im Mittelmeer. Seit Juli steuert die „Iuventa“ nun auf dem Mittelmeer und hat bereits tausende Leben gerettet. Allein beim letzten Einsatz vor der libyschen Küste rettete die Crew in nur zwei Wochen 436 Personen aus Schlauch- und Holzbooten und übergab die Insassen der italienischen Küstenwache.

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Landheim Schondorf

Schule Schloss Salem

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By | 2017-09-29T14:50:39+00:00 ottobre 31st, 2016|Categories: DEUTSCH, INTERVIEWS|0 Comments

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