Fussballstars lassen sich ihr bestes Stück in Bronze verewigen

Ein Fuß ist wichtiger als der Goldene Schuh

Lesezeit: 5 Minuten – Text: Andreas Ryll

Ich treffe Dante Mortet mitten in der historischen Altstadt von Rom. Der 43-jährige Kunsthandwerker hat mich in seine Werkstatt in der Nähe der Piazza Navona eingeladen. Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert in der Via dei Portoghesì mit dem mittelalterlichen Turm trägt einen ungewöhnlichen Namen – „Der Turm des Affens“. Diese Bezeichnung stammt aus einer Legende, die der amerikanische Romancier Nathaniel Hawthorne in seinen italienischen Reisenotizen aus dem 19. Jahrhundert beschrieben hatte.

Dantes Werkstatt ist kein supermodernes Atelierloft, sondern besteht aus drei großen Räumen im Hinterhof dieser antiken Mauern. Der Ort, gefüllt mit zahlreichen Werkzeugen und Utensilien, erzählt von einer langjährigen Handwerkstradition. Aber bevor wir darüber sprechen, wie und warum er Fußskulpturen von prominenten Fußballprofis wie Zlatan Ibrahimovic, Thiago Silva, Júlio César und Edinson Cavani realisiert hat, zeigt er mir die verschiedenen Pokale und Medaillen, die das Familienunternehmen in der vierten Generation herstellt. Nach kurzer Zeit fällt mein Blick auf ein hohes Regal, in dem Fuß- und Handmodelle aus rotem Wachs stehen. “Daran arbeite ich gerade.” entgegnet er mir. Was hat ihn dazu bewegt, möchte ich wissen. “Mich inspiriert die sportliche Geste eines Athleten. Es ist als würde in jenem Moment die Zeit stehenbleiben. In einer Skulptur bleibt immer etwas für die kommenden Generationen zurück.

“Es wäre schön gewesen, wenn wir den Fußabdruck von Abebe Bikila haben würden” sagt er beim Anblick seiner Fußmodelle. Ja, ich erinnere mich an die Geschichte des äthiopischen Marathonläufers, der 1960 in der italienischen Hauptstadt in neuer Weltbestzeit die erste olympische Goldmedaille für Schwarzafrika in der Geschichte der Olympischen Spiele gewann, wobei er die Strecke als einziger Athlet barfuß zurücklegte. Ohne Schuhe zu einer sportlichen Glanzleistung – das kommt bei Fußballern nur im Beachsoccer vor, aber das Werkzeug der Profis ist meist bunt verpackt. Die Füße stecken in individuell angepasstem Schuhwerk und unter den größten Sportartikelherstellern tobt ein harter Konkurrenzkampf. Eigentlich geht es beim Fußball mehr um den Ball und weniger ist die Rede von den Füßen. Daher bietet sich meine Frage an, warum Dante gerade den nackten Fuß so interessant findet. Die Antwort überrascht mich etwas.

“Ich bin mit dem Anblick der Kunstwerke und Monumente in meiner Stadt aufgewachsen. Irgendwann ging ich durch eine kleine Gasse in der Altstadt, die den Namen “Vicolo del Piede” (Gasse des Fußes) trägt. Und spontan fiel mir der riesige Fuß aus Marmor, ein Fragment einer kolossalen Statue, in der Via Santo Stefano del Cacco ein. Nach über 2000 Jahren erzählt uns dieser Marmorfuß eine imaginäre Geschichte. Und ich fragte mich, ob dieser Fuß sinnbildlich an einen Gladiator erinnern soll, der im Kolosseum vor Tausenden von Zuschauern, um sein überleben kämpfte. So entstand die Idee mit einigen Fußballprofis, die ich durch meine Arbeit bereits kannte, darüber zu sprechen, ob sie Interesse an meinem Projekt hätten.”

 

Bildunterschrift: Der “Pié di Marmo” in Via di S. Stefano del Cacco gehörte zu einer Kolossalstatue des Kultes des Iseo und Serapeo Campense, das älteste und größte ägyptische Heiligtum in Rom und den Göttern Isis und Serapis gewidmet. Ursprünglich war der Fuß in der Via Pié di Marmo platziert. Erst später im Jahr 1878 wurde das Werk an seinen heutigen Ort gebracht, um nicht den Trauerzug von Vittorio Emanuele, dem Zweiten zum Pantheon zu behindern.

Einer der ersten Fußballprofis war Zlatan Ibrahimovic. Sein rechter Fuß wurde in der Fachpresse sogar mal mit dem Begriff “der Fuß Gottes” betitelt. Grund dafür war das unglaublichste, akrobatischste und wohl auch unverschämteste Tor – mindestens des Vierteljahrhunderts. Der 1,90 Meter große Stürmer in Diensten von Manchester United, traf beim 4:2 gegen England so spektakulär mit dem schönsten Fallrückzieher der vergangenen Jahre. Die Koordinaten bei seinem Treffer: halbrechts und ungefähr fünfundzwanzig Meter vor dem gegnerischen Tor. Das war 2012, damals spielte der Schwede für Paris St. Germain. In jener Zeit ist auch sein Fuß aus vergoldeter Bronze im Wachsausschmelzverfahren entstanden. Dieses Verfahren ist eines der ältesten, aber keineswegs einfachsten Gussverfahren und wurde über Jahrtausende immer wieder perfektioniert. Dante erzählt mir, dass er beim Modellieren des Wachsmodells versucht hat die Authentizität des Fußes so weit wie möglich zu respektieren.

Bild: Dante Mortet und Zlatan Ibrahimovic in der Kabine von Paris St. Germain

Die leicht opake goldene Patina wurde auf Wunsch von Zlatan Ibrahimovic aufgetragen. Ich möchte wissen, wie es dazu kam mit Ibrahimovic zusammenzuarbeiten. “Ich war dabei den Fußabdruck seines damaligen Mannschaftskollegen Thiago Silva abzunehmen und wir saßen nach dem Training in der Umkleidekabine von Paris St. Germain. Mit einem ironischen Unterton sagte er, dass es einen wichtigeren und größeren Fuß gibt und meinte damit natürlich seinen. In der Tat, Schuhgröße 48 ist wahrlich kein kleiner Fuß. Klar, dass ich sofort zugestimmt habe und Ibrahimovic zeigte mir einige Besonderheiten seines rechten Fußes. Er erzählte mir, welche wichtigen Tore er damit erzielt hat. Auch wenn er seiner Meinung nach das wichtigste Tor in seiner Karriere bisher noch nicht geschossen hätte.” Ich frage mich welches entscheidende Tor er wohl damit meint. Vielleicht das Siegestor in einem Champions-League-Finale oder in einem wichtigen Länderspiel?

Bild: Der rechte Fuß von Zlatan Ibrahimovic als vergoldete Bronzeskulptur

Seit 2013 spielt Edinson Cavani für Paris St. Germain. Sein starker Fuß ist der rechte, aber auch sein linker Fuß ist ein Garant für Tore, wie er in den drei Jahren beim SSC Neapel, das ein und andere Mal unter Beweis stellte. Vielleicht aus diesem Grund hat er beide Füße in Bronze verewigen lassen. Dante fügte diesen Fußskulpturen ein Detail hinzu. Am Sprunggelenks befindet sich die Reproduktion der geographischen Karte Uruguays. “Ein athletischer und sensibler Fuß. Ein bisschen ähneln die Füße dem Charakter der Spieler”, so beschreibt Dante den 30-jährigen Uruguayer mit italienischen Vorfahren. Die Fußskulpturen haben für Cavani eine sehr emotionale Bedeutung, denn an dieser Idee gefiel ihm, dass er seinen Kindern, irgendwann etwas sehr Persönliches zurücklassen kann. “Die Füße sind sozusagen das Werkzeug meines sportlichen Erfolges” so der Stürmer. Weiter erzählte er bei der Übergabe der Skulpturen eine kleine Anekdote. Während seiner Zeit beim Club in der Stadt am Vesuv sei er oft in Rom gewesen und am späten Abend besichtigte er gerne das Colosseum. Dazu sagte er: “Ich stellte mir den Pathos, aber auch das Leiden der Gladiatoren in der Arena des antiken Roms vor und wie die Zuschauer auf den Rängen das grausame Spektakel miterlebten. Das ein und andere Mal wird der unangemessene Vergleich mit den Fußballprofis gezogen, als seien wir moderne Gladiatoren und das macht mich sehr nachdenklich.”

Bild: Edinson Cavani und Dante Mortet in Paris

Bild: Die Füße von Edinson Cavani in Bronze

Was für Stürmer die Füße, sind für Torhüter die Hände. Júlio César Soares Espíndola, seit 2014 unter Vertrag bei Benfica Lissabon, spielte von 2005 bis 2012 für Inter Mailand und gewann mit diesem Verein fünf italienische Meisterschaften und 2010 das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Und genau eine Episode aus dem Halbfinal-Rückspiel in der Champions League gegen den FC Barcelona war Anlass zur Zusammenarbeit. In der 87. Minute beim Stand von 1:0 für die Katalanen pariert Júlio César einen gutplatzierten Distanzschuß von Xavi Heràndez. Ein Treffer zum 2:0 hätte nach dem 3:1 aus dem Hinspiel in Mailand, das Aus für Inter bedeutet. Dante sagt mir, dass ihm der brasilianische Torhüter bei einem gemeinsamen Abendessen in Rio de Janeiro erzählte, dass er bei diesem Schuss das Gefühl hatte, als hätte der Ball ihn bereits passiert und seine Hand wäre, ohne seinen Willen, kurz vor der Torlinie an den Ball gekommen. “In diesem Moment habe ich gedacht, dass die Hand eines Torhüters ein Symbol des Willens ist. Ein Keeper will bis zur allerletzten Minute den Erfolg seiner Mannschaft verteidigen. In hundert Jahren – beim Anblick dieser Skulptur – kommt vielleicht die Erinnerung an einen emotionellen Moment eines Torhüters wieder auf.” so beschreibt Dante Mortet die Idee die rechte Hand von Júlio César zu realisieren. Die Skulptur hat eine vergoldete Patina und steht auf einem grünfarbigen Steinsockel – eine Hommage an die Farben der Nationalflagge Brasiliens.

Bild: Die Hand von Julio Cesar

Bevor wir unser Gespräch beenden, frage ich Dante, welchen deutschen Fußballspieler er gerne für sein Projekt gewinnen würde, und so eloquent er seine Geschichten erzählt, so spontan ist seine Antwort: “Gerd Müller und Klaus Fischer!” Das überrascht mich nicht, der “Bomber der Nation” und der “Das Tor des Jahrhunderts”. Bei den aktiven Spielern trifft seine Auswahl auf Mario Götze und Leon Goretzka. Zum Abschluss gesteht mir Dante einen Traum. So wie die Händeabdrücke der Filmstars auf der “Walk of Fame” in Hollywood, wünscht er sich eine Dauerausstellung im “Foro Italico”, wo die Hände und Füße von Sportlern in Form von Skulpturen gezeigt werden. Im Vordergrund steht dabei das Erinnern an sportliche Glanzleistungen, denn das Wort “Memoria” taucht oft in Dantes Erzählungen auf. Wohl wahr, dass Profisportler oft an ihren Erfolgen gemessen werden, aber was wäre der Sport ohne die Erinnerung an viele wunderbare Momente.

 

© Andreas Ryll – all rights reserved

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By | 2017-11-04T09:41:03+00:00 novembre 4th, 2017|Categories: DEUTSCH, STORIES|Tags: , , , , , |0 Comments

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