Adrift, ein Mann auf einem Eisberg | Interview mit Alex Bellini

“Adrift” ein Mann auf einem Eisberg

ADRIFT heißt sein neues Projekt, eine Mission, wie er es nennt. Er ist Alex Bellini, Abenteurer und ein Mann aus den Bergen. Und er sagt über sich selbst, ein Entdecker der menschlichen Natur zu sein und über das Abenteuer erforscht er die verborgensten Orte seines eigenen Ichs. Der 37-Jährige Italiener ist intelligent, kompetent und versiert und er hat bereits zwei Ozeane, alleine mit einem Ruderboot überquert und ist von Los Angeles nach New York gelaufen.

Sein nächstes Abenteuer? Er will auf einem Eisberg leben – bis dieser schmilzt. Adrift verfolgt das Ziel, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und einen Beitrag zu den lang diskutierten Theorien zur globalen Erwärmung und zum Klimawandel zu leisten, dabei sollen Studenten auf der ganzen Welt mit Bildungsprogrammen unterstützt werden und wir Alle, dazu inspiriert werden, um nachhaltiger zu leben.

Immer mehr Eisberge im Nordatlantik

Das Eis am Polarkreis schwindet infolge des Klimawandels – mit dramatischen Auswirkungen auf die Meeresspiegel. Immer mehr Eisberge treiben vor den Küsten Grönlands. Sie brechen aus den Gletschern ab, denn die Sommermonate werden dort immer wärmer.

Über sein Vorhaben habe ich bereits im ersten Teil dieser Reportage berichtet. (siehe: “Adrift – Ein Mann auf einem Eisberg”). Jetzt habe mit ihm gesprochen, um mehr über den aktuellen Stand des Projekts, über ihn und seine Motivation zu erfahren, und wer ihn – auch in seiner Kindheit – inspiriert hat.

683560eb0076021a6012d0c4f04b1ea5 © Alex Bellini sind wieder bereit

Andreas Ryll: Guten Morgen, Alex. Zuerst möchte ich Dir danken, dass Du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Wie geht es Dir?

Alex Bellini: Guten Morgen, Andreas. Mir geht es gut. Danke der Nachfrage. Der Monat September ist ein entscheidender Moment, weil nach der kurzen Sommerpause für den kommenden Winter geplant wird und das Jahr 2016, wie Du weißt, wird sehr anstrengend werden. Wir stellen uns diesen kommenden Aufgaben mit viel Energie und einer hohen Motivation.

An welchem Punkt steht dein aktuelles Projekt Adrift? Und wann ist die Abreise nach Grönland geplant?

Die Vorbereitungen für Adrift schreiten gut voran. Das Projekt hat größere Ausmaße, als ursprünglich geplant war, angenommen. Die Partner, mit denen wir im Gespräch sind, wie Forschungszentren, Hochschulfakultäten und Filmproduzenten, erfordern ein anderes Tempo, als wir uns anfangs vorgestellt hatten. Den Beginn dieses Abenteuers, würde ich aber für das Jahr 2016 vorhersagen.


Wie hast Du dieses Projekt deiner Familie erklärt?

Die allerwichtigste Person, mit der ich mich immer zuerst auseinandersetze, ist meine Ehefrau Francesca, die zudem auch die Koordinatorin des Projekts ist. Ich erinnere mich daran, dass ich ihr einfach gesagt habe, das ich ein Abenteuer auf einem Eisberg realisieren wollte und sie antwortete mir: “Dann schauen wir mal, wie man das machen kann!

Du bist ein Mann der Taten und auch Vater von zwei Töchtern, deshalb möchte ich von Dir wissen, wie Du deine Kinder dazu erzieht, unseren Planeten zu respektieren?

Ich gebe ihnen Möglichkeiten, damit sie erkennen, dass der Mensch und die Natur, zwei Elemente sind, die miteinander verbunden sind und keine voneinander getrennten und unterschiedlichen Systeme. Die Methoden sind unterschiedlich, zum Beispiel unternehme ich mit meinen Töchtern, das was ich gerne Mikro-Abenteuer nenne, also kleine Erlebnisse, die uns in den Wäldern, in den Kontakt mit der natürlichen Umwelt bringen. Wir verbringen eine Nacht im Zelt, bauen uns eine kleine Schutzhütte unter den Bäumen oder genießen einfach eine Brotzeit in den Bergen. Das sind ideale Gelegenheiten, unsere Umgebung zu entdecken und sich mit der Natur vertraut zu machen.

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© Alex Bellini hofft auf den richtigen Eisberg zu treffen

Wie bereitest Du dich momentan auf das Projekt Adrift und deinen Aufenthalt in der Überlebenskapsel auf dem Eisberg vor?

Ich versuche die größtmögliche Aufmerksamkeit auf die Auswahl der technischen Einrichtungen der Kapsel, in der ich überleben werde, zu richten. Die Themen sind vielfältig. Es geht um die Kommunikationsmittel, Logistik, Nahrungsversorgung und Abfallwirtschaft, um nur einige zu nennen.


Wie können wir uns deinen Alltag in und außerhalb der Kapsel vorstellen?

90% meines Alltages werde ich in der Kapsel verbringen, quasi ohne mich zu bewegen. Das ist eine größere Herausforderung als viele denken. Bewegungsmangel hat negative Auswirkungen auf das Denken. Je weniger du dich bewegst, umso schneller brechen Entscheidungsprozesse zusammen.  In regelmäßigen Abständen führe ich Tests durch, die meine Person, aber auch die Umwelt betreffen. Ich werde sicher viel Zeit zum Lesen haben und um mich in guter körperlicher Verfassung zu halten. Ich stelle mir mein Leben, wie das eines Leuchtturmwärters vor. Zeitweise wird es auch ein bisschen langweilig sein.

Welche wissenschaftlichen Daten werden gesammelt und welche Personen werden in deinem Projekt mitarbeiten?

Dazu kann ich bisher noch keine genaueren Auskünfte geben, da wir noch in der Phase sind, die Partnerschaften mit den Forschungszentren zu definieren.

10 Man Trimetric Das Modell der Kapsel, in der Alex leben wird

Wie begegnest Du kritischen Stimmen zu deinem Projekt, die dein Vorhaben nur als persönliche Herausforderung, wie eine Art Performance bezeichnen, statt eine Aktion zu Gunsten des Klimaschutzes?

Eigentlich habe ich keine Zeit, mich um diese kritischen Kommentare zu kümmern. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, diese Mission vorzubereiten und zu realisieren. Ich kann, wiederum auch nicht verlangen, dass mein Vorhaben von allen verstanden und akzeptiert wird.

image copia Alex stellt sich seinen Eisberg so vor © Computeranimation von Alex Bellini

Welche sind deiner Meinung nach, die kurzfristigen Maßnahmen, die am dringendsten ergriffen werden müssen, um den Prozess der Erderwärmung zu verlangsamen? Und wie kann dein Vorhaben Adrift dazu beitragen?

Um darauf zu antworten, gebrauche ich den gesunden Menschenverstand und kein besonderes Wissen. Wir müssen ein bewussteres Verhalten und eine systematische Sichtweise einsetzen und das Wort “komfortabel” mit “notwendig” in unserem Wortschatz ersetzen!


Wer und was hat dich in deinem persönlichen Leben dazu inspiriert und motiviert, die Mission Adrift – wie Du es bezeichnet – ins Leben zu rufen?

Ganz sicher die Geschichte von Umberto Nobile, der 1928 beim Rückflug zum Festland mit dem Luftschiff „Italia“, nach dem er den Nordpol überquerte, abstürzte. Er und andere zehn Männer der Besatzung überlebten, vierzig Tage lang, treibend auf einem Stück Packeis.

Was bedeutet für dich Einsamkeit und wie gehst Du damit um?

Die Einsamkeit bedeutet für mich ein Luxus, den man nur mit etwas mehr Mut leben kann, und zwar den Mut, sich selbst ins Gesicht zu schauen und sich so zu akzeptieren, wie wir wirklich sind, mit unseren Qualitäten, Eigenschaften, aber auch unseren Fehlern.

Was macht dir Angst?

Ich habe Angst nicht die Gefahr und ausweglose Situationen zu erkennen, und zwar jene Situationen, die keinen Plan B mehr vorsehen.

 

20140728_131712 Alex on Tour

Du hast in vorherigen Gesprächen gesagt, dass es etwa 150 Arten von Gefahren in diesem Vorhaben gibt und dass Du für jede eine Lösung suchst.

Der Umgang mit den Risiken ist ein wesentlicher Aspekt in einem Abenteuer wie diesem. Und Risiken kann man nur mit einem reaktiven oder einem proaktiven Ansatz, also einem zielgerichteten, vorausschauenden Handeln, konfrontieren. Das wiederum bedeutet bereit sein, auf eventuelle Gefahren oder Bedrohungen mit dafür entwickelten Lösungen zu antworten und noch, bevor die Gefahr besteht, Entscheidungen zu treffen, um vorzeitig reagieren zu können. 150 Variablen sind nicht anderes als 150 Gründe, warum die Mission schief gehen könnten. Für jede entwickeln wir eine Strategie.

Was bedeutet Abenteuer für dich?

Abenteuer, im weitesten Sinne, ist jegliche Erfahrung mit einem ungewissen Ausgang. Ein Abenteuer zu leben oder zu erleben bedeutet auch, die Unsicherheit des endgültigen Ergebnisses zu akzeptieren, zu erkennen, dass es Dinge gibt, die man steuern kann und andere, die man nicht kontrollieren kann, aber dabei sollte man sich immer auf die Kontrolle darüber konzentrieren.

shot_28 Wird das der Eisberg sein?

Ich bin jetzt 50 und Du 37, also sind wir nicht gerade Altersgenossen, aber wir könnten die gleichen Helden unserer Kindheit gehabt haben? Ich schaute die Fernsehfilme über die Forschungsreisen der Calypso mit Jacques-Yves Cousteau, war begeistert von den Abenteuer und Expeditionen von Thor Heyerdahl und ich liebte die Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn in der Erzählung von Mark Twain. Und Du?

Ja, ich bin etwas jünger, aber auch die Helden deiner Kindheit haben mich begleitet. Später waren für mich auch Ambrogio Fogar, Mike Horn und Borge Ousland wichtig, denn ich habe schon immer eine Leidenschaft für die Geschichten und Abenteuer der Polarexpeditionen gehabt.

Und von Mark Twain stammt das Zitat: “They did not know it was impossible so they did it” und oft hat mich dieses Motto in meinem Leben begleitet und inspiriert. Funktioniert diese Aussage auch für Dich oder hast Du ein anderes Motto?

Ich stimme mit diesem Motto überein. Das selbstbegrenzende Denken ist manchmal ein zu großes Hindernis, das man überwinden möchte. Man sagt, dass das Wissen frei von Abhängigkeit macht. Ich glaube vielmehr, dass manchmal das “Nicht-Wissen”, mich freier macht.

14973853101_80395bbe59_o Alex beobachtet das Packeis

Was wäre dein persönlicher Erfolg in dieser Mission, denn diesmal ist deine Herausforderung nicht alleine über den Atlantik zu rudern oder von Los Angeles nach New York zu laufen?

Mein persönlicher Erfolg in dieser Mission wird sein, bestens am Tag der Abreise nach Grönland darauf vorbereitet zu sein. Alles was danach passiert, kann ich weder vorhersagen, noch kontrollieren. Es wird eine Reise ohne ein Ziel sein, in der ich die Lebensdauer des Eisbergs dokumentieren werde und es ist egal, ob sein Leben drei Tage oder zwölf Monate dauern wird.

PACIFIC1 Alex ruderte allein über den Atlantik

Zum Schluss, eine Frage, die Dir ein 10-jähriges Mädchen stellt: “Glaubst Du, das Du Tiere während deines Aufenthaltes auf dem Eisberg treffen wirst?

Die Tiere, die ich möglicherweise auf dem Eisberg treffen könnte, sind nur Vögel. Der Eisberg müsste sich recht schnell von der Küste entfernen, sodass er wenig Interesse bei anderen Tieren erwecken sollte, aber unter den 150 Risiko-Variablen haben wir auch die Begegnung mit Eisbären integriert.

Alex, ich danke Dir für das Gespräch und die Zeit, die Du dir genommen hast. Ich wünsche Dir und deinem Team alles Gute für die Mission Adrift!

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Dieses Gespräch mit Alex Bellini haben wir im September 2015 geführt.

© riproduzione riservata / all rights reserved

© foto Alex Bellini – weitere Informationen unter www.alexbellini.com

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By | 2017-09-29T14:47:40+00:00 settembre 13th, 2015|Categories: DEUTSCH, INTERVIEWS|0 Comments

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