Miss Isle ist Natasha Lambert

Miss Isle Natasha Lambert 

Wo endet die Behinderung und beginnt die Freiheit?

von Andreas Ryll ()

Natasha Lambert ist achtzehn Jahre jung. Ihre Freunde und Fans nennen sie aber einfach “Miss Isle”, weil sie mit ihrer Mutter Amanda, ihrem Vater Gary und der jüngeren Schwester auf der Isle of Wight, vor der Südküste Englands, lebt. Sie liebt das Meer, das Segeln und ist sehr mit ihrer Insel verbunden und seit Jahren hat sie eine Antwort auf diese Frage gefunden: “Das Gefühl von Freiheit, das ich empfinde, wenn ich in den frühen Morgenstunden segele, ist unbeschreiblich. Ich könnte jedes Mal weinen.” sagt sie.

8997863911_0ddf2c4fa5_o Im Foto: Natasha Lambert

Wenn Natasha an Bord ihres Segelbootes ist, einer Mini Transat 650 (*1), muss sie zu ihrem Schutz, Boxhandschuhe und einen Integral-Motorhelm tragen. Natasha hat eine schwere Behinderung und auch dank dieser Vorsichtsmassnahmen und der von ihrem Vater Gary entwickelten Technologie ist sie eine gute Seglerin geworden. Das Meer ist mittlerweile Teil ihres Lebensalltags und diesen meistert sie fast alleine.

Miss Isle leidet unter infantiler Zerebral-Parese (*2) (im Engl.: Athetoid Cerebral Palsy), eine Krankheit, die die dadurch hervorgerufene Behinderung durch Störungen des Nervensystems und der Muskulatur charakterisiert, im Bereich der willkürlichen Motorik. Ihre Krankheit entwickelt sich schleichend und ihr Gesundheitszustand könnte sich verschlechtern, aber glücklicherweise geht die Krankheit langsam voran. Aber, trotz ihrer schweren Behinderung ist sie eine gute Einhand-Seglerin geworden !

8997943547_dbc7d18ec4_o Im Foto: Natasha im ihrem Element

Ihr Segelboot der Klasse Mini 650 mit ihrer Lieblingsfarbe Rosa ist auch für das Hochsee-Segeln zu gelassen und Miss Isle steuert es alleine, im wahrsten Sinne des Wortes, mündlich und dabei verwendet sie einen Steuerhalm zur Ein- und Ausatmung. Dieses komplexe und ausgefeilte System nennt sich Sip-Puff-Sailing und wurde im Laufe der Jahre von ihrem Vater Gary entwickelt und umgesetzt. Damit kann Natasha jetzt nicht nur den Kurs halten, sondern auch wenden, halsen und den Segeltrimm auf optimale Weise verändern.

In ihrem Blog schreibt sie: “Es stört mich doch manchmal, wenn mein Vater oder mein Trainer, aus Sicherheitsgründen, mir mit dem Beiboot folgen, oder an Bord kommen, um einige Manöver, wie Reffen, ausführen. Ich schaue halt immer nach vorne, wenn ich segle und wie auch in meinem Leben!”

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Im Foto: Natasha an Bord der Miss Isle, Begleitung eines Beibootes mit Vater Gary

Die Eltern Amanda und Gary haben mir den Vorgang des Steuerungssystems erklärt und sprachen darüber, wie die Leidenschaft Natashas für das Segelns entstand und welche nächsten Aufgaben auf ihre Tochter warten.

Amanda Lambert

Natasha hat ein spezielles Boot, das ihren Bedürfnissen angepasst wurde, um ihr zu ermöglichen, alleine zu segeln, dank eines Kontrollsystems über ihren Mund, das auf der Anwendung  eines einfachen Halms, beruht. Wenn Natasha ihren Kurs nach Backbord ändern will, dann muss sie einatmen, also am Halm ziehen und wenn nach Steuerbord ändern will, dann muss sie in den Halm ausatmen, also hineinblasen. Und auch die Positionierung der Segel, das Trimmen, funktioniert auf die gleiche Art und Weise und das immer über den gleichen Halm. Dann gibt es die Möglichkeit, den Kurs zu ändern und dafür benutzt sie ihre Zunge.

Gary Lambert

Im vorderen Bereich des Motorradhelms, also in der Nähe zum Mund, ist eine Photozelle eingebaut, und wenn die von Natasha mit der Zunge berührt wird, verändert sich die Modalität des Sip-Puff-Systems, und immer über den Halm, kann sie den Segeltrimm kontrollieren. Also, wenn Natasha am Halm zieht, also wie einatmen, dann werden die Segel gesetzt und wenn sie hinein bläst, also wie ausatmen, dann werden die Segel eingeholt. Falls Natasha dann wieder mit ihrer Zunge die Photozelle berührt, stellt sich die vorhergehende Methode der Navigation wieder ein und Sie übernimmt wieder die Steuerung des Bootes. Gerade so, als hätte sie das Steuerruder in der Hand.

Natasha kann die Photozelle auch mit ihrer Zunge bedecken und das wiederum ermöglicht ihr zwei Optionen; eine aktiviert den Autopiloten, sodass der gewünschte Kurs gehalten werden kann, während Natasha sich der Segeleinstellung widmen kann, oder sie kann die Einstellung des Halms verändern und so ihr Boot gemäß der Positionierung der Segel steuern. Wenn sie mit der Segeleinstellung zufrieden ist, berührt sie nochmals die Photozelle mit der Zunge und übernimmt somit wieder die Steuerung ihres Bootes.

Dies sind die Kontrollsystem, die wir aktuell an Bord ihres Bootes haben. Es handelt sich hier um grundlegende Steuerung und das System muss noch weiter verbessert werden. Es ist bisher ein guter Prototyp.

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Im Foto: Natasha und ihr Boot in Aktion

Wie hat Natashas Leidenschaft für das Segeln begonnen?

Gary Lambert

Seitdem sie ein Kind war, wollte Natasha segeln. Wir leben auf der Isle of Wight und anfangs, vielleicht etwas leichtgläubig, dachten wir, dass es ausreichen würde, wenn wir einen Bootsladen in unserem Hafen aufsuchen würden, um etwas Ausrüstung für sie zu kaufen, sodass unser Mädchen mit dem Segeln beginnen konnte. Aber dem war nicht so, denn selbstverständlich fanden wir keine passende Ausrüstung für sie. Also entschieden uns dafür, etwas Spezielles für ihren Fall zu entwickeln. So begann dieser Weg und heute hat Natasha die volle Kontrolle über ihr Boot. 

Ihre erste Segelerfahrung machte sie im Calvert Trust (*3) als sie neun  Jahre alt war. Dort fuhren wir raus zum Segeln auf den Lake Keilder, ein See, der im Nordosten Englands liegt. An Bord war Natasha nur ein Passagier, aber im Boot zu sein gefiel ihr sehr. Wir verbrachten weitere Male die Ferien mit dem Calvert-Trust, aber irgendwann entschieden wir uns dafür, einen Segelclub in der Nähe unseres Zuhause zu suchen. Zudem leben wir an der Südküste Englands und diese Gegend gilt als eines der grossen Segelsportzentren unseres Landes.

Natasha begann dann im Projekt The Even Keel Project (*4) und in unserem lokalen Segelclub RYA Sailability (*5), zwei Jahre lang auf einer Artemis 20 mitzusegeln.

Auch wenn diese Kielboote für die meisten Menschen mit Behinderung zugänglich sind, dank ihrer abgerundeten Sitze und manuellen Einstellungsmöglichkeiten, blieb Natasha doch weiter eine Mitseglerin, weil sie ihre Hände nicht anwenden kann. Aber sie wünschte sich mehr und mehr, allein ein Boot zu steuern. Daher kauften wir ihr, zu ihrem Geburtstag, ein Modellboot Micro Magic Yacht und Doktor Mike Heath von Dream Racer half uns dabei, ein System zu entwickeln, das in der Lage war über “Ein-und Ausatmen” mit dem Mund, dieses Modellboot zu steuern. Und es funktioniert! Also wenn Natasha ein Modellboot steuern konnte …. der nächste Schritt war … ein echtes Boot!!

Ich begann sofort mit dieser Arbeit und lernte die Programmiersprache dafür und nach sehr vielen Wochen und Monaten, die ich in der Werkstatt und mit meinem Computer verbrachte, gelang es mir schliesslich, ein System zu entwickelt, das Natasha ermöglichte, ein Boot mit nur einem Halm zu steuern. Dann im Jahr 2010 kauften wir eine gebrauchte Artemis 20 und sechs Monate später segelte und steuerte sie unabhängig.

Amanda Lambert

Zwischen 2010 und 2011 segelte Natasha mit der Artemis 20 mit dem Namen “Miss Isle” und sie war so glücklich das Boot steuern zu können. Aber sie wollten mehr! Sie wollte auch die Kontrolle über die Segeleinstellung haben, aber leider war der Platz an Bord dieses Bootes für weiteres elektronisches Equipment nicht ausreichend. Ausserdem wünschte Natasha es sich auch weiter raus segeln zu können. Also kauften wir mit Unterstützung von Artemis Investments (*6) eine Mini-Transat und auch dieses Boot “Miss Isle 2” haben wir dann ihren Bedürfnissen angepasst.

Im August 2012 wurde dieses Boot fertiggestellt. Jetzt hat unsere Tochter die vollständige Kontrolle des Steuerruders und der Segel und endlich fühlt sie sich unabhängig und frei.

Welche Herausforderungen hat Natasha konfrontiert ?

Seitdem hat sie vier grosse Herausforderungen bewältigt. 2012 segelte sie in der Regatta rund um die Isle of Wight. 2013 überquerte sie den Ärmelkanal von Frankreich nach England und sie ist von der Isle of Wight bis nach Südwales gesegelt und das waren 500 Seemeilen, wo sie anschliessend einen der höchsten Berge Großbritanniens, den Pen y Fan, bestieg. Und in diesem Jahr ist sie von Cowes bis in die City of London gesegelt, um Spenden für ihre neue Wohltätigkeits-Kampagne zu Gunsten ihrer Segelschule Miss Isle School of Sip and Puff zu sammeln. 

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Im Foto: Natasha, ihre Eltern Amanda und Gary (1. und 2. von links, hinten) und Freunde der Miss Isle

Die Sicherheit in einem Segelboot ist von wesentlicher Bedeutung und für Menschen mit einer besonderen Voraussetzung, wie Natasha, ist es sogar noch wichtiger. Als Eltern, wie sind sie mit diesem Problem umgegangen?

Amanda Lambert

An Bord ist immer eine weitere Person, in der Regel ist das ihr Segeltrainer. Er ist auch dafür zuständig Natasha während der Törns mit Essen und Trinken zu versorgen, ausserdem ist er für die Kommunikation über Funk verantwortlich, weil oft die verbale Kommunikation mit Natasha nicht ausreichend ist. Diese Doppelfunktion sorgt für Sicherheit an Bord und erlaubt Natasha, das Boot allein zu steuern.

Gary Lambert

Da es sich um unsere Tochter handelt, nehmen wir die Sicherheitsstandards sehr ernst und uns sind die Sicherheitsregeln sehr bewusst. Die Person, die Natasha an Bord begleitet, verfügt auch über einen Rettungstaucherschein und im Notfall kann diese Person sofort eingreifen. Zudem haben wir ein Sicherheitssystem an Bord eingerichtet, dass das Boot unsinkbar macht, falls wir ein Leck haben sollten oder falls es kentert. An Heck haben wir vier Behälter, die sich im Notfall automatisch aufpumpen und den Rumpf um vier Tonnen erleichtern und zwei weitere sind am Bug, also insgesamt sechs Tonnen zur Erhöhung des Auftriebs und der Schwimmfähigkeit des Bootes. Falls also ein Notfall eintreten sollte, der das Leben unser Tochter gefährden sollte, mit diesem System wird das Boot nicht sinken.

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Im Foto: Natasha geht mit ihrem Trainer Phil Devereux an Bord … die Segel sind getrimmt …

Natasha hat in diesem Sport, den sie so sehr liebt, enormen Erfolg und ihre Geschichte trifft auf große öffentliche Resonanz und Medieninteresse. Dank ihrer Wunsches, Menschen eine Möglichkeit zu bieten, die in der Regel keinen Zugang zur Welt des Segels haben, und dank des Einfallsreichtums von Papa Gary und der Leidenschaft von Mutter Amanda, entstand auf der Isle of Wight, die Segelschule Miss Isle School of Sip und Puff Sailing. Eine Segelschule, speziell für Menschen, die Lust haben Segeln zu lernen, und die eine körperliche Behinderungen haben, die es ihnen nicht erlaubt, ein traditionelles Segelboot zu steuern. Dort lernen sie allein zu segeln. Man muss nur über eine gute Atemkontrolle verfügen, um alles Notwendige über einen einfachen … Kunststoff-Halm zu kontrollieren.

Link:  http://www.missisle.org.uk/

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Im Foto: Natasha mit dem britischen Segler und mehrfachen Olympiasieger Ben Ainslie

Last but not least, auch die britische Königin ist “highly impressed”, so sehr das am 13. Juni dieses Jahres bekannt gegeben wurde, das die schwerbehinderte Seglerin mit der British Empire Medal ausgezeichnet wurde. Natasha schreibt in ihrem Blog: “Ich kann nicht glauben, das ich für diese unglaubliche Ehre ausgewählt wurde. Mir gefällt das, was ich mache, aber in Wirklichkeit kann das jeder machen, dank auch der fantastischen Menschen, die mein Projekt mit unterstützen.

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Im Foto: Natasha und Miss Isle … London, we’re coming und mit Segelfreunden bei der Regatta “Round the Island”

Die Geschichte geht weiter … im zweiten Teil werde ich Euch erzählen, welche kommenden Herausforderungen Natasha plant, zu denen in den nächsten zwei bis drei Monaten, eine Entscheidung getroffen wird und welche neue Technologie im Sip-Puff-System auf Natashas Boot Miss Isle hinzugefügt wird.

Ich werde auch mit Natasha und ihren Eltern Amanda und Gary darüber sprechen, welche neue Aufgaben vor ihnen stehen, damit Natasha ihren Wunsch umsetzen kann, zu helfen, Vorurteile gegenüber behinderten Menschen abzubauen und zu zeigen, welche Möglichkeiten behinderte Menschen im Segeln haben und was im Bereich der Inklusion getan wird.

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LINKS:

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Transat_650

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Infantile_Zerebralparese

(3)  http://www.calvert-trust.org.uk/

(4)  http://www.theevenkeel.com/

(5) http://www.rya.org.uk/Pages/Home.aspx

(6)  http://www.artemis.co.uk/

Informationen und Fotos (copyright): www.missisle.com

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By | 2017-09-29T14:48:38+00:00 luglio 24th, 2015|Categories: DEUTSCH, STORIES|0 Comments

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